Evangelisch-lutherische Kirche in Braunschweig

Eine allseits anerkannte Definition von Religion gibt es nicht. Umgangssprachlich dient der Begriff zur Bezeichnung der Glaubens- und Kultgemeinschaften. Das lateinische "religio" geht nach Lactanz auf "religere" (berücksichtigen) oder nach Cicero auf "religare" (binden) zurück und bezeichnete die rituellen Verpflichtungen des römischen Glaubens. Auch im antiken und mittelalterlichen Christentum wurde "religio" mit besonderer christlicher Pflichterfüllung verbunden. Seit dem 18. Jahrhundert nannte man zunächst nur das Christentum, später auch jede andere Glaubens- und Kultgemeinschaft Religion.

Seit dem 19. Jahrhundert versuchte man, Religion anhand einzelner, den Religionen gemeinsamer und möglichst früher Phänomene inhaltlich zu bestimmen: Religion sei dort, wo hinter der gegenständlichen Wirklichkeit seelische Kräfte wahrgenommen werden, oder wo es Gottesglauben gebe. Diese Thesen lassen sich nicht mehr aufrechterhalten. Heute gibt es auch Religion ohne Gottesglauben und Seelenvorstellungen. Je größer das Wissen über Religion ist, umso weniger Gemeinsamkeiten lassen sich erkennen. Rudolf Otto vertrat 1917 die bis heute von vielen geteilte Meinung, Religion gründe in einem Erlebnis des Heiligen, das die Menschen zugleich fasziniere und mit Furcht erfülle.

Gegenwärtig setzt sich in der Wissenschaft die Tendenz durch, Religion nicht mehr inhaltlich, sondern formal zu bestimmen. Im Zentrum steht die Sinnfrage des Menschen in seiner alltäglichen Lebenswelt. Wenn diese als problematisch erfahren werde, könne sich umgekehrt die Perspektive auf einen umfassenderen Sinn auftun; eine Hoffnung, dass jenseits aller Fraglichkeit eine "Ganzheit" steht, die alles trägt und allem eine Perspektive gibt.

Dann könnte Religion aufgefasst werden als Summe von Erfahrungen, in denen Menschen sich selbst, ihre Welt und Geschichte als sinnoffen erleben und zugleich auf deren Sinnhaftigkeit setzen. Dies gilt insbesondere mit Blick auf Lebenszäsuren wie Geburt, Geschlechtsreifung, Partnerschaft, Krankheit und Tod, oder die existenziellen Fragen nach dem Woher, Wohin und Wozu.